Abnehmen geht nicht von alleine

Ich bin oft erstaunt mit was für Vorstellungen Menschen eine Diät beginnen. Woher kommt dieser Wunderglauben dass man im Schlaf abnehmen könne? Dass es genügt sich mit einer Creme einzuschmieren um das Fett schmelzen zu lassen?

Wer einen Schulabschluss haben will muss davor lernen. Wer ein Instrument spielen will muss üben. Kaum jemand fiele auf eine Werbung herein die „Klavierspielen wie ein Profi in nur drei Tagen“ verspricht oder? Warum ist das beim Abnehmen so anders? Warum glauben immer noch so viele Menschen dass das Tragen eines Armbandes beim Abnehmen hilft oder das Fett „zum Schmelzen“ bringt?

Ist es nur der Wunderglaube und diese tiefe Sehnsucht schlank zu sein, diese Verzweiflung die dicke Menschen verspüren?

Inzwischen glaube ich dass da drei Punkte zusammen kommen.

Erstens wissen die Menschen immer noch zu wenig über die Vorgänge im Körper, zweitens scheuen viele Menschen jegliche Veränderung in ihrer Lebensweise und drittens haben viele dicke Menschen unbewusst Angst davor dünn zu sein. Ich weiß, Nummer drei ist eine gewagte These, aber zur Begründung komme ich noch.

Vielen Menschen ist das einfache Grundprinzip der Energiebilanz nicht klar. Egal ob man ein Genom hat das das Risiko für Übergewicht steigen lässt, egal ob man eine Unterfunktion oder sonst eine Störung hat, man nimmt zu wenn man mehr isst als man verbraucht, man nimmt ab wenn man weniger isst als verbraucht. Natürlich gibt es eine reihe von Faktoren die den Verbrauch von Energie und die Verwertbarkeit der Nahrung beeinflussen. Sport gehört natürlich dazu und ein gesund funktonierender Stoffwechsel der nicht durch Hungerkuren (weniger als 1200 Kalorien täglich) lahmgelegt wurde. Viele dieser Faktoren kann man beeinflussen und verändern und dabei helfen einem seriöse Abnehmprogramme und Ernährungsberater. Aber sie geben einem nur das Handwerkzeug und im günstigen Fall Tipps für die Praxis und Motivation, gebrauchen muss man es dann selbst.

Die Menschen sind anscheinend Gewohnheitstiere. Sie scheuen jegliche Veränderung. Und ich glaube kaum eine Gewohnheit ist so tief eingebrannt wie das Essverhalten. Es liegt wohl daran dass man so viele Dinge mit dem Essen verknüpft, wie Entspannung, Freude, Feiern etc. Es geht ja soweit dass man sich entspannen will und dazu automatisch bestimmte Sachen isst. Man macht sich wenig Gedanken darüber was sonst noch zur Entspannung beiträgt. Eine bestimmte Sache zu essen bedeutet Entspannung. Eine andere Sache zu essen bedeutet Freude und eine dritte Sache bedeutet Trost. Allen gemeinsam ist aber das Essen.

Wie kann man sich entspannen ohne zu essen? Wie kann man feiern ohne die traditionellen Festessen? Wie kann man Trost bekommen ohne die kleinen Leckerlis?

Allein das würde schon eine gewaltige Veränderung im Tagesablauf bedeuten, es bedeutet dass man sich Gedanken über sich und seine Bedürfnisse macht, es bedeutet dass man sich Zeit für sich nimmt und Dinge ausprobiert. Wenn dann noch Familie oder Partner mit spielen kommt es einem besonders schwierig vor. Dann muss man nicht nur gegen die eigene Unlust zur Veränderung ankämpfen sondern auch noch gegen die der Angehörigen. Bei dem Gedanken kapitulieren schon die meisten und sofort verlockt die Creme, die man nur sich selbst aufschmieren muss etc. Im Aiqum-Forum habe ich einen schönen und treffenden Spruch von einer Teilnehmerin gelesen.

Er lautet:

„Wasch‘ mich aber mach‘ mich nicht nass!“

Das trifft ganz genau die Wunschvorstellung der Menschen.

Aber so läuft das nicht. Es ist genau wie im Fitnessstudio. Man kann die tollsten Maschinen benutzen. Man kann sich auf den Sitz setzten, alles richtig einstellen, aber man muss die Maschine selbst in Bewegung setzen, mit der eigenen Muskelkraft. Man wird nicht stärker wenn man sich in teuersten Sportklamotten und schön gestylt an ein Gerät setzt und dann einfach abwartet dass was passiert und alles von alleine geht. So funktioniert das nicht. Machen muss man es selbst. Genau wie man sich ja auch selbst das Essen in den Mund geschoben hat.

Woher kommt nur der Anspruch dass alles von alleine gehen muss? Dass man sich nicht anstrengen will? Es ist so schade denn es ist ein so berauschendes Gefühl sich den Erfolg erarbeitet zu haben. Dieses Gefühl, diesen Stolz, kann einem keine Creme geben.

Und nun zum dritten Punkt, zu der Angst. Ich spreche von den Menschen mit starken Übergewicht, die sich beispielsweise einen Kummerspeck angefressen haben, die Probleme damit haben ihre Gefühle zu akzeptieren und auszudrücken und die deswegen lieber die Gefühle unter einer Speckschicht vergraben. Ich spreche von denen die eine Pufferzone zwischen der Welt und sich selbst brauchen, die sich schützen wollen in Speckschichten, die Angst vor einem Wutanfall haben und die Wut lieber in Form von Essen hinunterschlucken. Auf diese Menschen kommt viel Arbeit zu. Das Essen und auch die Bewegung ist nur der Anfang. Anstrengender ist die Auseinandersetzung mit sich selbst. Man kommt oft ganz unvermutet an alte Gefühle, alte und lange verdrängte Erinnerungen kommen ganz plötzlich hoch. Man hat plötzlich Gefühlsausbrüche, könnte tagelang nur durchweinen oder hätte am liebsten einen Sandsack zuhause. Ich bin keine Fachfrau, ich habe auch nur Halbwissen in dem Bereich und möchte Sie damit verschonen. Ich schreibe nur aus meiner ganz persönlichen Erfahrung und den Erfahrungen die mir Menschen mitgeteilt haben, die auch ein starkes Übergewicht reduziert haben.

Ich selbst hatte das Gefühl dass ich mit jeder Schicht Fett die ich verlor, die Erinnerungen und Gefühle wieder bekam die ich in dem Speck verborgen hatte. Sie purzelten mir sozusagen vor die Füsse und wollten bearbeitet werden. Vieles habe ich schon geahnt davon und war bereit an die Arbeit zu gehen. Aber viel Ungeahntes kam mit hervor und das war und ist schwierig, ich stecke ja noch mitten drin im Prozess. Ich weiß manchmal nicht wo diese alten Erinnerungen plötzlich her kommen, aber ich weiß dass ich jetzt die Chance habe sie noch mal anzusehen und zu akzeptieren oder hinter mir zu lassen. Allerdings tobe ich auch oft verzweifelt herum wenn ich merke dass ich da wieder eine neue Lawine losgetreten hatte und mich doch gerade eben von der letzen erholt habe. Depressionen von denen ich gehofft hatte dass sie Vergangenheit wären, kommen plötzlich wieder. Aber zum Glück bei mir nur in abgeschwächter Form und ich weiß wieso das passiert. Das macht mir den Umgang damit leichter.

Dabei hilft es nur das Abnehmen wohl zu dosieren. Nur nicht zu schnell, die Seele will auch mit kommen. Es ist dabei ganz ganz wichtig liebevoll mit sich um zu gehen und auch die eigenen Angstgrenzen zu akzeptieren. So kann man sie Stück für Stück bearbeiten und erweitern ohne wirklich in Panik zu geraten. Und Panik beim Abnehmen bedeutet oft wieder in Fressanfälle zu rutschen.

Oft ist auch die Hilfe eines Therapeuten wichtig, das muss natürlich jeder selbst entscheiden. Aber es ist wichtig zu wissen was eventuell auf einen zukommen kann, wenn man ernsthaft abnehmen will.

Mit Schaudern stelle ich mir den seelischen Schock vor, wenn eins der Versprechen wirklich wahr würde. 30 Kilo in einer Woche abnehmen! Wer würde damit fertig plötzlich schutzlos da zu stehen ohne gelernt zu haben sich anders als durch Speck zu schützen? Ich würde Panik bekommen und ich bin froh dass ich mir so lange Zeit zum Abnehmen lasse wie ich brauche.

Wer bei sich ahnt dass so etwas kommen wird, der will im Inneren vielleicht noch nicht abnehmen, der will und kann im Moment diese Arbeit nicht leisten. Aber auch das ist schwer zuzugeben. So macht man also Dinge von denen man im Grunde ahnt dass sie nichts bringen, man gehört zu der Gruppe der Abnehmenden, man kann jedem erzählen dass man doch alles versucht um abzunehmen und kann es sich vor allem auch selbst vormachen. All‘ das kenne ich gut und ich weiß jetzt dass ich ohne die vorangegangene Therapie das Abnehmen nicht geschafft hätte.

Ich selbst musste erst bereit dazu sein, auch wenn die Ärzte schon seit Jahren gewarnt haben. Den Zeitpunkt kann man nur selbst bestimmen.

One thought on “Abnehmen geht nicht von alleine

  1. […] Abnehmen geht nicht von alleine und der Sport der beim Abnehmen hilft, eben auch nicht. Wie mit dem Programm zum Abnehmen bekommt […]

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